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Selbstverteidigung

Selbstverteidigung lernen: Worauf es im Kurs ankommt

Selbstverteidigung beginnt vor dem ersten Griff

Wer an Selbstverteidigung denkt, denkt an Technik: ein Schlag, ein Tritt, ein Griff, der sich löst. Die Programme, die in kontrollierten Studien geprüft wurden, setzen eine Ebene früher an. Sie beginnen bei der Wahrnehmung: eine Grenzüberschreitung früh erkennen, sie benennen, klar sagen, dass sie aufhören soll. Körperliche Mittel sind der letzte Schritt, nicht der erste.

Das Programm IMPower aus Malawi schreibt diese Reihenfolge ausdrücklich vor. Der Grund steht in der Programmbeschreibung selbst:

Because physical interventions can escalate situations of potential violence, IMPower emphasizes early recognition of boundary testing, negotiation, diffusion and distraction tactics, and verbal assertiveness over physical self-defense, with the guidance that physical tactics should only be used if they are the last and best option.

Der Inhalt umfasst entsprechend mehr als Technik: Grenzen erkennen und setzen, schädliches Verhalten benennen und Konsequenzen ankündigen, verhandeln, deeskalieren und ablenken, die eigene Stimme als Werkzeug einsetzen – und erst danach körperliche Verteidigungstechniken. Für ein Training heißt das: Die verbale Ebene ist kein Vorgeplänkel, sondern der Kern.

Welche Ebene im Alltag zum Einsatz kommt

Wie Teilnehmerinnen die Inhalte später tatsächlich genutzt haben, hat die Auswertung derselben Studie erfasst:

Within the intervention group, 43% of girls said that they had used skills to stop forced sex since IMPower ESD training. Of the girls that used the skills, 49% used verbal only, 13% used physical only, and 38% used a combination of verbal and physical skills.

Die verbale Ebene trägt also den größten Anteil, rein körperliche Reaktionen sind die Ausnahme. Die Autor:innen berichten zusätzlich, dass 53 Prozent der Mädchen die Fähigkeiten auch gegen Belästigung einsetzten und 52 Prozent gegen körperliche Gewalt.

Die Studie lief mit Schülerinnen in Malawi, nicht mit Erwachsenen in Deutschland. Übertragbar ist deshalb weniger die einzelne Zahl als die Gewichtung: Wer Kurse vergleicht, sollte prüfen, wie viel Raum Ansprache, Distanz und Deeskalation bekommen – und wie viel Zeit für Technik bleibt.

Warum derselbe Kurs nicht überall wirkt

Die südafrikanische Studie zum Programm No Means No zeigt die andere Seite. Sie prüfte eine an die Pandemie angepasste Fassung. Was sich dadurch änderte, beschreiben die Autor:innen so:

COVID adaptations included reducing the curricula delivery hours from 12 to 8-hours and for the girls curricula, content adaptations included emphasizing verbal skills over physical and adjusting the pedagogy associated with physical skill development, such that no physical contact occurred.

Auffrischungstermine fielen weg, der Inhalt wurde in ein bis fünf Wochen durchgezogen. Das Ergebnis fiel entsprechend aus:

At baseline, 35% of girls reported past-year SV, and 33% did during follow-up. The intervention did not significantly reduce SV compared to the control

An der Teilnahme lag es nicht: Die Mehrheit der Mädchen besuchte mindestens sechs von acht Einheiten, die Quote lag bei 93 Prozent. Die Autor:innen nennen deshalb Umsetzungsprobleme als Erklärung – zu wenig Zeit im Schulalltag und fehlende Unterstützung durch das gesamte Schulpersonal – und stellen dem die frühere Fassung gegenüber, die sechs Wochen mit mehreren Auffrischungsterminen lief und Reduktionen zeigte. Die Studie spricht damit nicht gegen Selbstverteidigungstraining, sondern dafür, dass Dosis und Umsetzung den Unterschied machen.

Die Autor:innen ordnen ihr Ergebnis nicht als Ausreißer ein: Sie verweisen auf eine weitere Auswertung desselben Programms, die ebenfalls keinen Rückgang zeigte, sondern einen nicht signifikanten Trend zu häufigeren Angaben von Gewalt. Auch dort war die Umsetzung ohne Auffrischungstermine. Das Muster über zwei Studien hinweg ist damit dasselbe – die verdichtete Kurzfassung ohne Wiederholung liefert nicht, was die längere Fassung erreichte.

Was Kurse wirksamer macht

Aus beiden Studien lassen sich Punkte ableiten, die du beim Vergleichen von Angeboten prüfen kannst.

  • Szenarien statt Vortrag. Im südafrikanischen Programm wurde mit Rollenspielen und erfahrungsbasierten Methoden gearbeitet, damit Teilnehmerinnen Werkzeuge für konkrete Situationen bekommen. Eine Technikdemo allein reicht dafür nicht.
  • Über Wochen verteilt. Die Autor:innen der Südafrika-Studie empfehlen, Sitzungen eher über einen längeren Zeitraum zu strecken, als sie in kurzer Zeit zu verdichten.
  • Auffrischung einplanen. Im Malawi-Programm folgen den sechs Wochen alle drei bis sechs Monate zweistündige Auffrischungstermine. In Südafrika fehlten sie – ein Punkt, den die Autor:innen selbst als Schwäche benennen.
  • Kein Einmal-Format. Ein Studienprotokoll zur Nachfolgeuntersuchung in Nairobi hält fest, dass einzelne Sitzungen zur Prävention sexueller Gewalt möglicherweise wirkungslos sind – und dass das Training von Selbstverteidigungsfähigkeiten bisher nicht mit einem erhöhten Risiko in Verbindung gebracht wurde.

Was das für dein Training bedeutet

Für Erwachsene in Mannheim übersetzt sich das in drei Schwerpunkte.

  • Stimme und Distanz zuerst. Übe die klare Ansage mit demselben Ernst wie eine Technik: Blickkontakt, aufgerichteter Oberkörper, ein Satz, der eine Handlung stoppt. Drei Durchgänge, in denen du ausschließlich mit Worten und Schrittarbeit arbeitest, sind ein guter Anfang.
  • Szenarien statt Technikketten. Eine Situation beginnt selten im richtigen Abstand. Trainiere den Übergang aus dem Gespräch, aus der Enge, aus dem Griff – und wechsle die Ausgangslage, damit du Muster lernst und keine Abfolge auswendig.
  • Wiederholung in Abständen. Ein Wochenendseminar ist ein Startpunkt, kein Abschluss. Plane alle paar Monate eine Einheit, in der du die Grundlagen erneut abrufst, auch unter leichter Belastung.

Wie ein Einstieg im Verein abläuft, steht im Ablauf zum Probetraining. Wer in einer geschützten Gruppe trainieren will, findet den Rahmen im Women's Only Programm. Was ein Kurs inhaltlich abdecken sollte, steht im Beitrag zum Selbstverteidigungskurs in Mannheim, die Prinzipien für ein Training im geschützten Rahmen im Beitrag zur Frauen-Selbstverteidigung.

Quellen

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